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einige Anmerkungen zur Ruine, zur ruinierten Gegenwart und zum ruine hq Es ist eine merkwürdige Welt, in der wir hier leben. Es scheint immer mehr, als sei sie aus den Fugen geraten, als sei sie verrückt geworden. Die Morgende und Abende, und auch die Nächte, sind häufig viel zu warm, es ist wochenlang sehr trocken, dann wieder fällt der Regen viel zu stark und viel zu lange, die Preise für Strom und Gas und Miete und Lebensmittel und Benzin steigen immer wieder, es sind kaum noch Tiere in der Stadt zu sehen, von Insekten ganz zu schweigen, die Autos scheinen immer größer und bedrohlicher, die Menschen gehetzter, ihr Ton schärfer, das Sprechen mit ihnen schwieriger, unheimlicher irgendwie, es gibt keine Termine beim Arzt mehr, Medikamente sind nicht zu bekommen und können auch nicht bestellt werden, Freunde und Kolleg*innen fallen aus wegen Depressionen oder Burnouts, die Großmutter hat einen Hitzeschock, die Post kommt nicht, die Bahn fällt aus, Gelder für soziale, kulturelle oder politische Initiativen werden gekürzt oder ganz gestrichen, die Nachrichten sind übervoll von Kriegen und Anschlägen und wir sitzen fast nur noch vor Maschinen, wir sprechen auch mit ihnen – aber sie scheinen trotzdem mehr und mehr zu machen was sie wollen. Allzuhäufig machen sie es schon viel besser, als wir selbst. Aber die Sonne scheint und ich kann überall hingehen und mir immer noch fast alles kaufen, was ich haben will. Es sei denn ich habe kein Geld oder keinen Pass. Und die meisten Menschen gehen auch weiter zur Arbeit, in die Schule, in die Universität, in den Supermarkt, in den Zoo, ins Kino, auf Parties, auf Ausstellungseröffnungen, nach Hause. Ziehen um, planen ihre Zukunft, kaufen Autos, kaufen Haustiere. Kaufen Wohnungen, kriegen Kinder, bauen Häuser, gehen in Rente. Und trotzdem ist das Leben nicht unbeschwert und leicht. Im Gegenteil. Es ist als würden wir leben, es ist als würde ich leben, ohne dass es jemals genug Zeit gäbe, um all das zu tun und zu erledigen, was auf meiner Liste steht. Als würde meine Liste mit jedem erledigten Punkt um ein oder zwei Punkte länger. Und es ist als gäbe es immer zu wenig Zeit und zu viele Dinge, die unbedingt bald erledigt werden müssten. Bevor etwas zu spät ist oder weg ist oder kaputt geht oder nie mehr gemacht werden kann. Aber es ist auch so als würde es nie genug sein, was ich tue. Als würde ich nie genug sein. Und gleichzeitig ist es, als gäbe es alle Zeit der Welt, weil sich sowieso nichts ändert durch das was ich tue. Als gäbe es alle Zeit des Universums, als gäbe es unendlich viel Zeit, als wäre Zeit völlig unbedeutend, angesichts der Unendlichkeit des Raums und des langsamen Kreisens der Planeten im Kosmos. Es ist als würde ich leben, ohne Teil dieser Welt zu sein. Ohne in dieser Welt zu sein. Ohne dass es diese Welt oder mich gäbe. Was aber wäre, wenn die Welt wie wir sie kennen, in Wirklichkeit bereits schon seit einiger Zeit zu Ende gegangen ist und wir eigentlich schon länger in einer post-apokalyptischen Ruine unserer alten Welt leben würden? In einer Welt in der es keinen Zusammenbruch, keine plötzliche totale Apokalypse geben wird, die plötzlich alles ins Nichts stürzen, keine riesigen Flutwellen, die die ganze Welt auf einmal überschwemmen, keine Monster und keine Zombies, die alle und alles töten werden – wobei es vielleicht doch gar nicht so unwahrscheinlich ist, dass irgendwelche Viren aus der Vergangenheit aus dem tauenen Permafrost oder ein COVID19-ähnlicher Virus auftauchen könnten und einen Großteil der Menschheit ausrotten würden. Aber auch das wird nicht in zwei, drei Wochen passieren. Stattdessen wird es wohl eher ein Ende ohne schnelles Ende, ein andauerndes Ende, eine andauernde Zeit der Polykrise, der Katastrophen und der Kollapse werden. Eine Zeit, in der sich alte und neue Disaster überlagern, bestehende Systeme (wie Arbeitsmärkte, demokratische Gemeinschaften, Ökosysteme, Klimazonen, Jahreszeiten oder andere) aus dem Gleichgewicht geraten und zusammenbrechen und wir uns in einer ruiniös-katastrophischen Gegenwart und darin, inmitten stetig aufeinanderfolgender, mehr oder weniger großer Katastrophen wiederfinden und weiterleben werden müssen. Wir leben also eher vor, während und nach dem Ende unserer Welt. Und genauer: wir leben vor, während und nach der Art und Weise wie diese Zivilisation, die sogenannte westliche, kapitalistisch-koloniale, nach-moderne Zivilisation in der wir hier leben und von der wir ein Teil sind, die Welt herstellt, den Planeten und alles darauf begreift und behandelt. Wir leben in so etwas wie einer tiefen Ruine davon – voll von Fragmenten und Trümmern dieser Zivilisation und dem, worauf sie errichtet wurde. Fragmente, Trümmer, Geschichten, Landschaften, Energien, Athmosphären, nicht-menschliche Lebewesen und deren Vorfahren und Geister und mehr, die uns schon lange und noch lange begleiten werden: past, present and future all at once. Denn die Ruine ist kein Neuanfang. Sie ist kein Start vor einem weißen Hintergrund, in einem neutralen Raum, keine tabula rasa. Es gibt sie schon sehr sehr lange und sie ist immerschon verwickelt in die Vergangenheit und die Trümmer und Reste von damals. In all die Zerstörung, Ausbeutung und Vergiftung durch diesees auf Vereinzelung, Konkurrenz, Ausbeutung, Verknappung, Verpflanzung und Abschöpung ausgerichtete Wirtschafts- und Lebenssystem und die damit eng und untrennbar verbundenen Paradigmen und Dynamiken von Aufklärung, Moderne, Kapitalismus und Kolonialismus und ihre zerstörerischen, auslöscherischen und katastrophischen Macharten. Aber sie ist auch immerschon verbunden mit der Zukunft und dem was sich langsam von dem was war aus den Ritzen oder von unter den Trümmern als zartes Sprießen ankündigt und hinzieht in was kommt. Aus dem Durcheinander der zertrümmerten Fragmente der Vergangenheit lassen sich gut vergessene Erfahrungen und Abenteuer aufs neue ans Licht und ins Leben ziehen. Die Ruine ist immerschon mehrere Orte und Zeiten, sie ist vielleicht sogar eher ein Modus. *
Und was könnte das nun sein, ein ruine hq? Ein Hauptquartier, ein Zentrum in der Ruine? Ein Zentrum der ruinierten Gegenwart? Etwa ein ruiniertes Hauptquartier? Es geht dort wohl um so etwas wie eine bestimmte Sensiblität für ein Sein im Hier und Jetzt zu kultivieren. Eine die mit und in dem was da ist Lust und Lebenssinn zelebriert, trotz Ruiniertheit und Ruinen, Disastern und Katastrophen. Auch trotz und mit dem allgegenwärtigen Sterben – vor allem auch dem eigenen. Wo Dinge und Prozesse im Sinne und Modus eines Postwachstums passieren – aus dem wer und auch was da ist und deren Bedürfnissen und Vorschlägen. Nicht aus einem Drang nach Fortschritt und Wachstum. Langsam, sich entfaltend, gemeinschaftlich luxuriös, konvivial, permakulturell. Vielleicht wie eine Art gemeinsame, auch mehr als menschliche Improvisation – ohne das genau klar ist, wer alles mitspielt und wohin es gehen soll. Eine gegenseitige Assistenz für etwas, das entstehen könnte, ohne dass vorher gewusst werden kann, was und wohin es werden könnte. Gleichzeitig geht es dabei auch darum, die alte Welt soweit wie möglich zu verlassen. Von ihr abzufallen. Sie und unser Funktonieren darin abzuschaffen. Im Abfallen auch die bisherigen Funktionalitäten der Objekte, Materialien, Räume und anderen Lebewesen abzuschaffen. Nicht zuletzt auch eine gewisse Autonomie sowohl auszuüben, als auch eine langfristige anzustreben. Strategische Flucht, Rückzug, Desertieren und Nichtstun als Exits aus dem ewigen Loop von Produktion-Produktion-Produktion, dauerndem Begehren, Show-Off und Erschöpfung. Also zwar keine gerichtete Improvisation, aber schon eine von etwas, von einer bestimmten Art und Weise weg. Dies aber ohne der Illusion zu verfallen, dass solch ein Exit einfach so möglich sei. Die Ruine, ihre Fragmente, ihre Schichten, ihre Geister und Energien, etwas konkreter die in ihr wirksamen Mach- und Denkweisen, Begehrensobjekte und -weisen, Unbewusstes, Traumata, aber auch das Mikroplastik, der Feinstaub und die Zusatzstoffe – all das und noch viel mehr steckt auch immerschon in unseren Körpern. Wir sind auch die Ruine, wir sind auch Ruinen. Und wir müssen mit ihr in uns weitermachen, mit all diesen Gewohnheiten zu machen, zu denken, zu begehren, letztlich zu leben, mit all dem was sich in uns angesammelt hat, mit all diesen Resten, die in uns stecken, einen Umgang finden, uns verändern, jemand oder etwas anderes werden, um uns und die alte Welt abzuschaffen. Das ruine hq ist also vielleicht so etwas wie ein Zentrum für ruinöse Praxis, Versuche des dezidiert gemeinsamen Werdens im fragmentiert- improvisierten Modus der Ruine. Und damit wohl auch eher so etwas wie ein De-Zentrum, ein Un-Zentrum. Wir laden alle lustvoll abfallenden Tripper, desaster commundardinnen, acid comrades und andere Trümmeragent***innen ein, bei uns reinzuschauen und mit uns durch die Ruine zu streifen. |
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